Coronavirus aus Sicht einer Bürgerin Chinas – Interview mit Lin
Reiseleiterin vor einer Haustür in Tianjin

Wir haben uns gefragt, wie geht es wohl den Menschen jetzt in China, in den mehr oder weniger betroffenen Regionen. Dazu haben wir mit unserer Reiseleiterin Lin ein kurzes Interview geführt um mehr zu erfahren, wie die Sichtweise und Gefühle der Menschen im Land sind. Lin befindet sich gerade bei ihrer Familie in Tianjin, eine Millionenstadt in der nähe von Peking.

earthwalker: Wie geht es dir?
Li Lin: Uns geht es gut. Meine ganze Familie ist gesund. Man muss nicht zur Arbeit kommen und hat viel Zeit sich auszuruhen.

e: Wie hast du das Neujahrsfest verbracht? War es anders als sonst?
L: Ganz anders! Wir bleiben immer möglichst nur zu Hause. Das Neujahrsfest ist bei uns das wichtigste Familienfest. Die Kindern kommen mit den Enkelkindern zu den Grosseltern. Aber in diesem Jahr haben wir unser Familientreffen abgebrochen. Mein Schwager hat seine Fahrkarte erstattet. Er wollte mit dem neuen, schnellen Zug von der Inneren Mongolei nach Peking fahren und dann uns besuchen.

e: Dein Schwager hat die Reise abgebrochen, weil er den Kontakt mit vielen Menschen meiden wollte?
L: Ja, richtig.

e: Wie hat sich dein Alltag seit dem Bekanntwerden des Coronavirus verändert?
L: Man kommt nicht zum Kaufhaus, nicht zum Essen ins Restaurant, nicht ins Kino, nicht zum Karaoke, was zu den Feiertagen gehört. Man kommt auch selten von der Wohnung raus, um einen Spaziergang zu machen. Ich war nur zweimal auf dem Markt, um Gemüse und Obst einzukaufen. Die Tür der Markthalle ist offen, aber alle tragen Mundschutz. Alle sind vorsichtig, aber Angst haben wir nicht.

e: Wie wurdet ihr über das Virus informiert? Gibt es Verhaltensanweisungen und wie werden diese Bekannt gemacht?
L: Es gibt überall Verhaltensanweisungen, über Fernsehen – meistens, Handy – meistens, Radio – wenn man fährt, Zeitung – es gibt wenige Leute, die noch Zeitung lesen. Es wird im Fernsehen genau gezeigt, wie man Mundschutz anziehen soll.

e: Wie schätz du die allgemeine Lage ein? Sind die Menschen in deinem Umfeld ganz gelassen oder eher panisch, verängstigt? Wie ist die Stimmung?
L: Ich glaube, in der nächsten Woche werden immer mehr krank. In 2-3 Wochen wird deutlich weniger. Aber es kann schon sein, dass es 1-2 Monaten dauern könnte. Wir haben keine Angst, wir glauben ganz fest, dass wir das schaffen können. Denn die Regierung hat viele Massnahmen getroffen und wir machen das mit, was offiziell vorgeschlagen wird. Denn wir bekommen jeden Tag neue, genaue Informationen. Wenn ein neuer Patient diagnostiziert ist, wird bei uns genaue informiert, wo wohnt er, oder wie ist er nach Tianjin gekommen, welchen Zug oder Flugnummer, welchen öffentlichen Verkehrsmittel hat er genommen und an welche Uhrzeit, wo war er, wie z. B. Kaufhaus, Restaurant. Die Famile und die Leute, die mit ihm getroffen sind, werden gefunden, wenn die keinen Symptome haben, dann sollen zu Hause bleiben. Aber die Leute, die mit dem zusammen in einem Kaufhaus eingekauft oder in demselben Restraunt gegessen haben, kann man schwer finden. Das ist auch der Sinn, dass alle möglichst zu Hause bleiben sollen.

e: Triffst du dich noch mit Freunden? Geht ihr ins Restaurant?
L: Nein, überhaupt nicht.

e: Du bist gerade in Tianjin, richtig? Sind die Straßen genauso verlassen wie in Peking? Wie fühlt sich das für dich an?
L: Ja, in Tianjin sind die Straßen seit einer Woche fast leer. Verlassen aber nicht, eher wie in Europa am Sonntagmorgen. Ich finde es gut, dann ist die Risiko ist geringer.

Sonnenuntergang in Tianjin, aus Sicht des Tianjin-World-Financial-Center, Jinta
Sonnenuntergang in Tianjin, aus Sicht des Tianjin-World-Financial-Center, Jinta

e: Wie kommt ihr jetzt an Nahrungsmittel? Gehst du ganz normal einkaufen oder gibt es einen Lieferservice?
L: Das ist überhaupt kein Problem. Zum Neujahrfest hat man sowieso schon viel vorbereitet. Die Supermärkte sind alle offen. Und man kann bei uns vorher schon fast alles per Internet kaufen und nach Hause liefern lassen. Die Leute, die vorher mit einem Kranken getroffen und jetzt zu Hause isoliert sein müssen, bekommen Hilfe von dem Strassenkomitee. Das Strassekomitee kümmert sich sehr um die Leute. Einkaufen, Sie nehmen Sie sogar den Müll von der Haustür weg.

e: Hast du den Eindruck, dass die Menschen jetzt beginnen auf Vorrat einzukaufen und sich jede Menge Essen zurücklegen (Hamsterkäufe)?
L: Es war ganz kurz, vielleicht nur für ein Tag und der Preis ist an diesem Tag ganz schnell verdopellt. Aber die Geschaeffte, die manche Waren, z.B. Mundschutz, für einen sehr teuren Preis verkauft hatten, bekamen Strafe von der Regierung. Und man sieht auch, dass in den Geschäften die Produkte wieder schnell nachgeholt sind und man kann immer normal einkaufen. Ich komme alle 2 Tage einmal zum Einkaufen. Der Preis ist etwas teurer, aber es ist normal zum und kurz nach dem Frühlingsfest.

e: Kannst du momentan deine Arbeit als Reiseleiterin fortführen oder gibt es aktuell Einschränkungen?
L: Leider nicht. Alle Reisen bis Mitte Februar sind storniert. Die Reiseleiter, die mit der Gruppe wieder zurück sind, sollen 2 Wochen zu Hause bleiben, wenn in der Gruppe, oder Flugzeug oder Zug niemand aus Wuhan kommt und niemand Fieber hat. Wenn es solche Fälle gäbe, dann muss man 2 Wochen in einem Hotel bleiben und bekommt alles gebracht und das Essen und Unterkunft ist kostenlos. Wenn man Fieber hat, wird sofort zum Krankenhaus gebracht.

e: Gab es bei dir schon Reisestornierungen aufgrund des Virus?
L: Bei mir noch nicht. Die erste deutsche Gruppe kommt erst  Anfang Mai. Es ist eine lange Reise für 20 Tage. Und die Gruppe ist schon voll mit 20 Pax. Wir warten noch ab. Wie ich vorher gesagt habe, in 2 Monaten wird alles vorbei sein.

e: Siehst du eine Ansteckungsgefahr für Touristen? Wie schätz du es langfristig ein?
L: Momentan ist es sehr gefährlich. Der Tourismus wird erst wieder aufgenommen, wenn der Coronavirus verschwunden ist oder es wird ein Impfstoff entwickelt.

e: Wie wird sich der Coronavirus zukünftig auf den Tourismus in China auswirken?
L: 2020 muss ein schweriges Jahr für den Tourismus in China werden. Aber die Auswirkung für Inbound- und Outbound-Tourismus ist anders. Die chinesischen Touristen können sich vorübergehend für eine Reise entscheiden, eine Reise innerhalb China oder Ausserhalb. Aber die deutsche haben die Kalender Anfang des Jahres schon vollgehackt. Am wichtigsten ist, die ganze Welt sieht jetzt, wie wir diese Katastrophe überwinden. Wirhalten durch! Wir schaffen das!

Das hoffen und glauben wir auch. Vielen Dank Lin, für dieses Interview. Ich bin mir sicher wir können uns schon bald wieder in deiner Heimat Tianjin und Peking treffen! Ich freue mich auf ein Wiedersehen.

Solltest du, liebe/-r Leser/-in, vielleicht auch eine Frage an Lin haben, dann schreibe sie gerne hier unten in die Kommentare. Mit Hilfe von Lin werden wir versuchen deine Frage zu beantworten.

Über den Autor

Eric Richter
Eric Richter
Die Welt hat vieles zu bieten. Wenn wir nicht gerade auf einer Reise sind, suchen wir oft nach neuen Impressionen und Reise-Geschichten aus der Welt. Damit wir uns gedanklich an traumhafte Orte sowie zu Begegnungen mit Mensch und Tier begeben können, gibt es zahlreiche Geschichten zur Inspiration.

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