Mit dem Containerschiff über den Atlantik

Ein großer Schäferhund schnüffelt neugierig an meinem Rucksack. Kurz zögert er, doch dann läuft er mit seinem Frauchen, einer schweigsamen Polizeibeamtin, weiter an unserem Gepäck entlang, das wie auf einer Perlenkette aufgereiht vor uns auf dem Boden liegt. „Pasaporte!“, sagt die Polizistin einsilbig, nachdem ihr vierbeiniger Mitarbeiter seinen Dienst beendet hat. Leo und ich strecken ihr unsere Reisepässe entgegen, in denen die Tinte des panamaischen Ausreisestempels noch nicht ganz trocken ist. „Listo.“ Fertig. Aufgeregt und etwas nervös schultern wir unsere Rucksäcke und betreten den inneren und streng bewachten Teil des Hafens von Colón, der etwa eine Bus-Stunde von Panama-Stadt entfernt liegt. In wenigen Minuten werden wir das Containerschiff betreten, das uns nach 2,5 Jahren Weltreise zurück nach Europa bringen soll.

Über die Gangway betreten wir das Containerschiff

Der erste Eindruck

Das Containerschiff ist groß. Geradezu riesig. Als wir die Stufen der Gangway hinaufgehen, die das Schiff mit dem Festland verbindet, kommen wir uns im Vergleich zum blauen Stahlkoloss winzig vor. Oben werden wir bereits erwartet und von einem philippinischen Crewmitglied in Empfang genommen. Nachdem wir uns im Registrierbuch eingetragen haben, dürfen wir das Wohngebäude betreten. Wie immer an Hafentagen hat die Mannschaft viel zu tun und koordiniert das Ent- und Beladen des Schiffs. Ri, der sich als dritter Offizier vorstellt, fährt mit uns im engen Aufzug hoch in den 7. Stock. Hier befindet sich unsere Kabine, in der wir für die nächsten 14 Tage wohnen werden.

Gespannt betreten Leo und ich unser Zimmer. Der Raum ist größer als wir erwartet haben und sieht sehr gemütlich aus. Neben einem Doppelbett steht eine Couch, an der Wand gegenüber befindet sich ein großer Schreibtisch und ein Schrank. Eine separate Tür führt in ein kleines Badezimmer mit Dusche, Waschbecken und WC. In Richtung Bug gibt es zwei Fenster, durch die wir die Hafenkräne beobachten können, wie sie Container vom Schiff an Land befördern und umgekehrt.

Nachdem wir unser Gepäck abgestellt haben, folgen wir Ri in die Offiziersmesse. Wir haben Glück, denn obwohl die Abendessenszeit bereits zu Ende ist, bekommen wir vom Schiffskoch noch eine warme Mahlzeit serviert. Es gibt Putengeschnetzeltes mit Reis, dazu Salat. Und sogar noch einen Nachtisch.

Unsere Kabine ist größer als erwartet und gemütlich eingerichtet

Wir stechen in See

Nach der ersten Nacht an Bord, in der wir sehr gut geschlafen haben, wird es am Vormittag ernst: Das Schiff legt ab. Wir lassen es uns nicht nehmen, das Ablegemanöver von der Kommandobrücke aus zu beobachten. Als wir die Brücke betreten, herrscht dort bereits reger Betrieb. Neben dem Kapitän, dem ersten Offizier und einigen weiteren Crewmitgliedern ist bereits ein Lotse an Bord, dessen Aufgabe es ist, unser 300 Meter langes Containerschiff sicher aus dem Hafen aufs offene Meer zu bringen.

Um eine bessere Sicht zu haben, gehen wir hinaus auf die Nock, eine Art Balkon, der an beiden Seiten der Brücke bis an den Schiffsrand hinausführt. Schon werfen die Hafenmitarbeiter die schweren Taue ins Wasser und wir beobachten, wie wir uns langsam, aber stetig, von der Anlegestelle entfernen. Während ich mich noch wundere, dass eine solch große und schwere Stahlkonstruktion überhaupt schwimmen kann, wird das Schiff mithilfe eines Schleppers gewendet und nimmt langsam Fahrt auf. Atlantik wir kommen!

Nichts als Wasser

Nach zwei Stopps in Kolumbien und der Dominikanischen Republik verlassen wir die Karibik und nehmen Kurs auf Europa. Von jetzt an werden wir 9 Tage lang kein Land mehr sehen und von nichts als Wasser umgeben sein. „Wird euch da nicht langweilig?“, wurden wir vor Abreise von Freunden und der Familie gefragt. Schnell zeigt sich, dass diese Befürchtung unbegründet ist. Für Leo und mich ist es sehr spannend, der Crew bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen. Viele Stunden verbringen wir auf der Brücke und unterhalten uns mit den Seefahrern. Wir erfahren, dass die Menschen, die hier arbeiten, zwischen 3 und 9 Monaten am Stück an Bord sind. Für uns unvorstellbar lange.

An Tagen mit ruhiger See nutzen wir am Nachmittag die Gelegenheit für einen Spaziergang an Deck. Wir können im Freien einmal um das komplette Schiff herumgehen und dabei einen Blick in die verschiedenen Bereiche des Schiffs werfen. Nachdem wir uns angemeldet haben, zeigt uns Ingenieur Ljubo den Maschinenraum. Stolz führt er uns in den Bauch des Containerschiffs und erklärt uns geduldig die Funktionen der riesigen Motoren und Anlagen. In der Zeit vor dem Abendessen schreiben wir neue Artikel für unseren Reiseblog oder lesen ganz einfach ein Buch.

Obwohl die Atlantiküberfahrt auf dem Containerschiff für uns eine ganz besondere Erfahrung und ein Highlight unserer Weltreise ist, ist uns bewusst, dass eine Frachtschifffahrt auch einige Nachteile hat. Da Containerschiffe auf festgelegten Routen unterwegs sind, kann man nur in Häfen ein- bzw. aussteigen, in denen sie anlegen. Auch ist eine Fahrt auf dem Containerschiff meist wesentlich teurer, als wenn man die gleiche Strecke mit einem Flugzeug zurücklegen würde. Dafür aber wissen wir nun genau, welchen langen Weg z.B. Bananen zurückgelegt haben, die wir in Deutschland im Supermarkt kaufen können und haben selbst die Weite eines Ozeans erlebt.

9 Tage lang sind wir nur von Wasser und Containern umgeben

Ankunft in Rotterdam

Nach 2 Wochen an Bord nähern wir uns den Niederlanden. Im März 2017 verließen wir Europa in Richtung Osten, 2 Jahre und 8 Monate später kommen wir aus dem Westen wieder zurück. Alles ohne ein einziges Flugzeug genutzt zu haben. Es ist morgens um 6 Uhr, als Europas größter Containerhafen Rotterdam aus der Dunkelheit vor uns auftaucht. So wirklich glauben kann ich noch nicht, dass wir wirklich wieder zurück sein sollen. Spürbar ist allerdings, dass wir einen weiteren Hafen anlaufen, denn die Crew ist bereits seit langem auf den Beinen und bereitet alles für den arbeitsreichen Tag vor.

Wir verabschieden uns herzlich von den Offizieren und der Crew. Die letzten 14 Tage waren eine sehr spannende Zeit für uns, in der wir viel Neues lernen durften. Und auch wenn einige Tage an Bord aufgrund des Seegangs ungemütlich waren, so werden wir trotzdem immer wieder sehr gerne erneut auf einem Containerschiff über eines der Weltmeere fahren!

Die Crew und auch wir Passagiere nehmen an wöchentlichen Sicherheitsübungen teil

Du willst selbst mit einem Containerschiff reisen? In ihrem Guide „Mit dem Containerschiff über den Pazifik“ haben Leo und Sebastian alle Informationen rund um den Ticketkauf, die Vorbereitungen einer Containerschifffahrt und den Alltag an Bord zusammengefasst.

Über den Autor

Leo und Sebastian von eins2frei
Leo und Sebastian von eins2frei
Leo Sibeth und Sebastian Ohlert kündigen ihre Wohnungen und Jobs, um im März 2017 zu einer Weltreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln aufzubrechen. In Richtung Osten gestartet, kehrten die beiden nach 3 Jahren aus dem Westen zurück nach Hause, ohne je einen Fuß in ein Flugzeug gesetzt zu haben. Auf ihrem Reiseblog www.eins2frei.com lassen die beiden ihre Leser an den Erlebnissen und Erfahrungen ihrer nachhaltigen Weltumrundung teilhaben.

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