Zwei Abendessen bei chinesischen Familien
Shrimps auf Teller

Insgesamt drei Monate lang bereisen wir China. Von Xinjiang über Tibet, Sichuan, Yunnan und der langestreckten Ostküste lernen Leo und ich dabei ganz unterschiedliche Landesteile kennen. China begeistert uns. Menschen, Kulturen und Traditionen könnten in den einzelnen Regionen verschiedener nicht sein. Doch eines hat ganz China gemein: Das Essen ist unglaublich vielfältig, wird stets frisch zubereitet und ist einfach immer lecker. Ganz besonders die Einladungen bei chinesischen Familien werden für uns zu einer bleibenden Erinnerung.

Ein Abendessen in Qingdao

„Ihr müsst unser berühmtes Bier probieren!” Vater Terry stellt drei gut gekühlte Flaschen Tsingtao auf den Tisch. „Die Brauerei unserer Stadt ist in ganz China bekannt und stellt das Bier nach einem alten deutschen Rezept her“. Da sage ich nicht nein. Während Terry mir einschenkt, blicke ich auf den Esstisch, von dem ein betörender Geruch aufsteigt und auf dem viele dampfende chinesische Gerichte darauf warten, von Leo, mir, einer Freundin der Familie und unseren Gastgebern verspeist zu werden.

Abendessen bei Sunny und Terry

Was für ein Glück, dass wir heute hier sein dürfen! Zu Gast bei einer chinesischen Familie, die wir vor einem halben Jahr im rund 2.600 Kilometer entfernten Kunming kennengelernt haben. Als wir damals am Dian-See spazieren gingen, wurden wir von Baby, der 12-jährigen Tochter von Sunny und Terry, angesprochen. Sie wollte ihre Sprachkenntnisse aus der Schule einmal im wahren Leben ausprobieren und ging mutig davon aus, dass Leo und ich uns gerne auf Englisch mit ihr unterhalten würden. Recht hatte sie.

„Bitte besucht uns in unserem Zuhause in Qingdao“, bat uns Mutter Sunny bei unserer Verabschiedung damals. Niemals hätten wir zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass wir auf unserer Weltreise ohne Flugzeug irgendwann nach Qingdao kommen würden. Doch nun sind wir hier und hätten es nicht besser treffen können.
„Extra für euch habe ich auf dem Markt frische Meeresschnecken gekauft“, sagt Terry stolz. Genau in diesem Moment trägt Leo, die Sunny beim Kochen geholfen hat, einen Teller grauer Schalentiere aus der Küche. Sie sehen aus wie große Muscheln, die man mit etwas Glück am Strand finden kann. Nur, dass diese hier nicht leer sind, sondern einen weißlichen Inhalt haben. So etwas habe ich noch nie gegessen.

Ein paar Minuten später ist die Küchenarbeit abgeschlossen und Sunny und Leo setzen sich zu uns. Neben den Meeresschnecken entdecke ich auf den Tellern Fisch, Hähnchenflügel in einer braunen Soße, Shrimps, Brokkoli mit reichlich Knoblauch, ein Gemisch aus Tomate und Ei sowie mehrere Teller mit gebratenem Gemüse. Dazu gibt es selbstgemachtes chinesisches Brot, das von Konsistenz und Aussehen einer Dampfnudel ähnelt. Nur eben nicht süß. Für den Nachtisch steht Obst bereit.

Der reich gedeckte Tisch

 

„Wow, so viele unterschiedliche Gerichte!“ Es riecht köstlich. Jeder bekommt einen kleinen Teller, der in Deutschland nicht zum Essen, sondern eher als Unterteller für eine Kaffeetasse dienen würde. Anstelle von Besteck benutzen wir, wie in China üblich, Stäbchen. Zum Glück sind wir schon seit mehreren Monaten in Asien und hatten dadurch ausreichend Gelegenheit, das Essen mit Stäbchen zu üben. Doch wie man damit die Meeresschnecken greifen soll, ist mir noch nicht klar.
Terry macht es vor. Mit einem Stäbchen sticht er in die Öffnung des Schneckenhauses. Mit einer geschickten Drehbewegung befördert er einen weißlichen Wurm ans Licht. Sieht einfach aus. Ich mache es ihm nach. Als ich in die Schnecke steche, fließt heißes Wasser hinaus, doch ich kann sie danach ohne Probleme aus ihrem Versteck ziehen. „Jetzt musst du aufpassen“, warnt mich Terry. „Siehst du den schwarzen Teil? Den musst du abbeißen und ausspucken, man kann ihn nicht essen. Falls du ihn versehentlich essen solltest, kann es sein, dass dein ganzer Arm taub wird.“

Meine Augen werden groß. Soll ich das wirklich probieren? Einen tauben Arm möchte ich eigentlich nicht riskieren. Terry lacht, für ihn sind Meeresschnecken ein ganz normales Gericht. Er zeigt mir, wie es geht. Nachdem er den schwarzen Teil der Schnecke abgebissen und auf einen Teller gelegt hat, taucht er den Rest in eine dunkle Soße und lässt ihn in seinem Mund verschwinden. Ich nehme meinen Mut zusammen und beiße ebenfalls in die Schnecke hinein, die ich in den Händen halte. Zum Glück ziele ich gut und entferne den ungenießbaren Teil wie von Terry vorgemacht. Ich tauche die Schnecke in die Soße und stecke sie mir in den Mund. Sehr lecker!

Meeresschnecken

 

Leo ist kein großer Fan von Meeresfrüchten und nachdem sie der Anblick der Meeresschnecke und das „riskante“ Essprozedere nicht motivieren konnten, hält sie sich an das Hühnchen und vor allem das Gemüse. Der Geschmack der verschiedenen Gemüsesorten und Soßen ist unglaublich! Obwohl wir schon seit mehreren Wochen in China sind und bereits oft sehr lecker in Restaurants gegessen haben, setzt das heutige Abendessen die Messlatte noch eine Stufe höher. Alles ist frisch zubereitet, wurde nur kurz, dafür mit großer Hitze im Wok angebraten und mit lokalen Gewürzen abgeschmeckt. Ich blicke rüber zu Leo und wir sind uns einig: Das Essen in China ist für uns das beste aus 1,5 Jahren Weltreise.

Zu Gast in Leshan

„Meine Schwiegermutter hat Ente zubereitet, die Spezialität hier in Leshan.“ Zusammen mit Sherry, ihrem Mann Simon, dem vierjährigen Sohn Bin Bin und ihrer Schwiegermutter sitzen wir am Esstisch ihrer Wohnung im 12. Stock. Dass wir überhaupt hier sind, ist wie schon in Qingdao einer zufälligen Begegnung geschuldet. Eigentlich wollten wir uns gestern in einem Computergeschäft nur nach einem Tablet-PC erkundigen. Doch Sherry, die dort als Verkäuferin arbeitet, bestand darauf, uns für den nächsten Abend zum Essen einzuladen.

Vor jedem von uns steht eine dampfende Schale Reis. Wir mögen Reis, doch haben wir in China in den vergangenen Wochen die Erfahrung gemacht, dass längst nicht in allen Landesteilen und auch nicht zu jeder Mahlzeit Reis gegessen wird. Es ist uns sogar passiert, dass wir gerne Reis essen wollten, aber einfach kein Restaurant finden konnten, bei dem „Mifan“ auf der Speisekarte stand. Für uns war es im ersten Moment unvorstellbar, in China keinen Reis zu bekommen.
Mit unseren Stäbchen bedienen wir uns an den in der Tischmitte stehenden Gerichten. Hier teilen sich alle Anwesenden das Essen und befördern jeweils kleine Portionen in die persönliche Reisschale. Die Ente schmeckt hervorragend und vom Blumenkohl in Austernsoße sowie den in kleine Streifen geschnittenen Kartoffeln kann ich gar nicht genug bekommen. Außerdem gibt es noch Rindfleisch und eine klare Suppe, in der weißer Rettich schwimmt. Wieder einmal sind wir begeistert von der Vielfalt der chinesischen Küche. So viele unterschiedliche Gerichte bei einem einzigen Abendessen!

Während des Essens unterhalten wir uns mit Sherry und ihrer Familie. Da sie als Einzige Englisch spricht, übersetzt Sherry unsere Fragen und die dazugehörigen Antworten. Wir erfahren viel über das Leben in Leshan und berichten den Vieren von unserer Weltreise und unserem Alltag in Deutschland. Als wir nach einem überaus leckeren Essen und guten Gesprächen zurück zum Hostel fahren wollen, bietet Sherry sogar an, dass wir bei ihr übernachten dürfen. Da wir jedoch all unser Gepäck in der Unterkunft gelassen haben, müssen wir dankend ablehnen. Dennoch war das Abendessen bei Sherry und ihrer Familie ein ganz besonderes Erlebnis, an das wir uns noch lange und gerne erinnern werden.

Abendessen bei Sherry und Simon

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Über den Autor

Leo und Sebastian von eins2frei
Leo und Sebastian von eins2frei
Leo Sibeth und Sebastian Ohlert kündigen ihre Wohnungen und Jobs, um im März 2017 zu einer Weltreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln aufzubrechen. In Richtung Osten gestartet, kehrten die beiden nach 3 Jahren aus dem Westen zurück nach Hause, ohne je einen Fuß in ein Flugzeug gesetzt zu haben. Auf ihrem Reiseblog www.eins2frei.com lassen die beiden ihre Leser an den Erlebnissen und Erfahrungen ihrer nachhaltigen Weltumrundung teilhaben.

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